Nach langjähriger internationaler Weiterentwicklungsarbeit wurde im Mai 2019 die 11. Revision der ICD von der WHO verabschiedet. Eine wichtige Neuerung im Bereich der psychischen Krankheiten ist die Aufnahme der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS, engl. CPTSD) als eigenständige Diagnose.
Die Einführung dieses Störungsbildes beruht auf klinischen Beobachtungen und Forschungsergebnissen, die aufzeigen, dass die posttraumatischen Symptome und Reaktionen bei einigen Betroffenen deutlich über die klassischen PTBS-Merkmale hinausgehen. Die kPTBS wird üblicherweise durch wiederholte oder anhaltende traumatische Ereignisse ausgelöst, denen Betroffene oft nur schwer oder gar nicht entkommen können (Eberle und Maercker 2024).
Zahlreiche Studien zeigen, dass Betroffene mit chronischen, interpersonellen Traumatisierungen ein spezifisches Symptommuster aufweisen, das sich von der klassischen PTBS unterscheidet. Die kPTBS ermöglicht eine präzisere Diagnostik und damit gezieltere Therapieplanung. (Eberle und Maercker 2024).
Das bietet auch mehr Klarheit für die Differenzialdiagnostik. Die Abgrenzung zur Borderline-Persönlichkeitsstörung und anderen Traumafolgestörungen wird durch die kPTBS erleichtert, da sie spezifische Kriterien für komplexe Traumafolgen bietet (Hecker und Maercker 2015). Die kPTBS ist neben den Symptomen der klassischen PTBS durch Emotionsregulationsstörungen, negative Selbstwahrnehmung und interpersonelle Schwierigkeiten gekennzeichnet (Hecker und Maercker 2015).
Relevanz für die therapeutische Praxis
- Individuelle Behandlungsansätze: Die Diagnose kPTBS ermöglicht es Therapeut:innen, gezielt auf die zusätzlichen Symptombereiche (z. B. Selbstwertprobleme, Affektdysregulation) einzugehen, was die Therapieeffektivität erhöht (Eberle und Maercker 2024).
- Validierte Diagnostikinstrumente: Mit der Einführung der kPTBS wurden spezifische Fragebögen und Interviews entwickelt (z. B. International Trauma Questionnaire, ITQ), die eine standardisierte Erfassung der Symptome ermöglichen (Cloitre et al. 2018).
- Forschungsimpulse: Die neue Diagnose fördert die Forschung zu Traumafolgestörungen und die Entwicklung evidenzbasierter Therapieverfahren (Maercker & Eberle 2022).
Die aktualisierte S3-Leitlinie widmet der kPTBS ein eigenes Kapitel. Dies reflektiert die Notwendigkeit, die Diagnostik und Behandlung dieser spezifischen Traumafolgestörung von der klassischen PTBS abzugrenzen. Die Leitlinie bietet evidenzbasierte Therapieempfehlungen und betont die Bedeutung der differentialdiagnostischen Abgrenzung der kPTBS von anderen Störungsbildern, insbesondere der Borderline-Persönlichkeitsstörung, und gibt Hinweise zur Behandlung bei Vorliegen von Komorbiditäten (Schäfer et al. 2019).
Die kPTBS berücksichtigt zusätzlich Störungen der Emotionsregulation, negative Selbstkonzepte und zwischenmenschliche Schwierigkeiten. Gerade bei diesen Symptomen kann die Integrative Körperpsychotherapie IBP gut ansetzen und unterstützen.
Maercker und Eberle (2022) fassen zusammen, dass die bisherigen Forschungsbefunde in Bezug auf die Gruppierung der trauma- und belastungsbezogenen Störungen zeigen, dass sich die neuen ICD-11-Diagnosen insgesamt bewähren. Insofern ist die ICD-11 als Fortschritt der Diagnostik von psychischen Störungen zu werten.
PD Dr. Phil. Myriam V. Thoma ist Universitätsdozentin für Klinische Psychologie und Psychopathologie mit ausgewiesener Expertise in den Themengebieten Psychopathologie, Stress, Trauma und Resilienz. In unserem praxisorientierten Kurs kannst du dich vertieft mit dem Störungsbild der kPTBS auseinandersetzen und dich mit anderen Therapeut:innen austauschen.
Ein Beitrag von Beatrix Schilling und Bettina Bamert
Quellen:
Eberle, D. J., & Maercker, A. (2024). Belastungsbezogene Störungen in der ICD-11. Die Psychotherapie, 69(3), 179-183.
Hecker, T., & Maercker, A. (2015). Komplexe posttraumatische Belastungsstörung nach ICD-11. Psychotherapeut, 60(6), 547-562.
Cloitre, M., Shevlin, M., Brewin, C. R., Bisson, J. I., Roberts, N. P., Maercker, A., ... & Hyland, P. (2018). The International Trauma Questionnaire: Development of a self‐report measure of ICD‐11 PTSD and complex PTSD. Acta Psychiatrica Scandinavica, 138(6), 536-546.
Maercker, A., & Eberle, D. J. (2022). Was bringt die ICD-11 im Bereich der trauma-und belastungsbezogenen Diagnosen?. Verhaltenstherapie, 32(3), 62-71.
Schäfer, I., Gast, U., Hofmann, A., Knaevelsrud, C., Lampe, A., Liebermann, P., ... & Wöller, W. (Eds.). (2019). S3-leitlinie posttraumatische belastungsstörung. Berlin: Springer.