Sensitive Menschen brauchen ihre Wahrnehmung nicht abzulegen. Sie können lernen, sie mit einem verlässlicheren Kontakt zu sich selbst zu verbinden. IBP-Methoden sind hier besonders hilfreich.
Anonymisiertes Fallbeispiel: Wahrnehmen, Übernehmen und der Selbstkontakt
Sandra meldet sich zur psychologischen Beratung mit dem Anliegen, sie müsse etwas verändern, sie sei dauernd müde und erschöpft und komme auch abends kaum noch zur Ruhe. Eigentlich sei alles gut. Sie habe eine Arbeit, die ihr Spass mache, zwei tolle, aufgeweckte Töchter und ihr Mann unterstütze sie meistens gut. Trotzdem sei ihr alles viel zu viel. Sie müsse endlich lernen, Grenzen zu ziehen und weniger zu spüren.
Im Erstgespräch schildert Sandra, sie habe das Gefühl, sie sei hochsensibel. Sie müsse schon seit ihrer Kindheit darauf achten, dass nicht zu viele Eindrücke auf einmal auf sie eindringen würden, und sie wisse manchmal nicht, ob das, was sie fühle und spüre, nun «ihres» sei oder nicht.
Sandra erzählt von einer Arbeitsbesprechung. Eine Kollegin antwortet knapp und wirkt angespannt. Sandra bemerkt es sofort. Während sie über die anstehenden Aufgaben sprechen, ist ein Teil ihrer Aufmerksamkeit beim Befinden ihrer Kollegin: «Sie sieht kraftlos, unkonzentriert und verkrampft aus.» Sandra bietet an, den Grossteil der anstehenden Aufgaben zu übernehmen. Kurz danach fällt ihr wieder ein, dass sie sich vor der Arbeitsbesprechung vorgenommen hatte, keine weiteren Aufgaben zu übernehmen.
In der Beratung gehen wir diesen Moment nochmals langsam durch. Sandra bemerkt, wie sie beim Blick zur Kollegin den Atem anhält und sich innerlich ganz auf sie ausrichtet. Wir halten inne und sie erkundet die Spürbarkeit des Raums um sie herum, den sie als zu sich gehörend wahrnimmt. Hier nutzen wir das IBP-Konzept des Eigenraums. Sie spürt die Füsse auf dem Boden und nimmt wahr, wie es ihr selbst gerade geht. Die Anspannung der Kollegin ist weiterhin da. Neu ist, dass Sandra auch ihre eigene Müdigkeit bemerkt und ihren Handlungsimpuls unterbrechen kann.
Das ist Selbstkontakt, eine der zentralen Erlebensdimensionen, welche durch die Arbeit mit dem IBP-Ansatz gestärkt wird. In Verbindung mit den eigenen Empfindungen und Impulsen zu bleiben, auch wenn die Aufmerksamkeit beim Gegenüber ist. So wird für sie ein Unterschied erfahrbar: «Ich kann wahrnehmen, dass es jemandem nicht gut geht, ohne sofort etwas dagegen tun zu müssen.»
Was die Forschung über Sensitivität zeigt
Die Forschung beschreibt Unterschiede darin, wie Menschen Reize und emotionale Informationen wahrnehmen und verarbeiten, als Kontinuum der sensorischen Verarbeitungssensitivität (Sensory Processing Sensitivity, SPS). Hochsensibilität bezeichnet eine hohe Ausprägung dieses Merkmals. [1] Eine Übersichtsarbeit fand einen Zusammenhang zwischen stärkerer Sensitivität und selbst berichtetem Stress; sie erlaubt aber keine Aussage darüber, was Ursache und was Folge ist. [2] Auch das Umfeld zählt: Eine Querschnittstudie deutet darauf hin, dass es mitprägt, wie sich hohe Sensitivität auf Wohlbefinden und Gesundheit auswirkt. In unterstützenden Umfeldern und unter belastenden Bedingungen zeigen sich dabei unterschiedliche Muster. [3] Diese Zusammenhänge erklären Sandra nicht als ganzheitliche Person, können ihr aber helfen, genauer hinzusehen.
Sensitivität kann bereichernd sein und unter ungünstigen Bedingungen anstrengend werden. In meiner Beratungserfahrung zeigt sich diese Anstrengung oft als Stress durch:
- Überflutung durch äussere Reize (zu viele Eindrücke ohne Zeit, sie zu verarbeiten)
- Reizüberflutung durch inneres Erleben (zu viele Emotionen und Empfindungen, um sie regulieren zu können)
- Anpassung (die Bedürfnisse anderer wahrnehmen und die eigenen immer wieder zurückstellen, People pleasing)
- Späte Grenzen (erst merken, dass es zu viel war, wenn die Erschöpfung schon da ist)
Den eigenen Raum wieder spüren
In einer weiteren Sitzung experimentieren wir mit dem Wahrnehmen und Sichtbarmachen des Eigenraums/der Grenze und gehen dann in Form einer Auslegeordnung den Fragen nach: «Was genau belastet? Die vielen Eindrücke, der Umgang damit oder die Lebens- und Arbeitsbedingungen? Wo empfinde ich die ausgeprägte Wahrnehmungsfähigkeit als Geschenk? Wie setze ich meine Sensitivität als Ressource ein? Welche anderen Ressourcen helfen mir dabei?» Der Vorteil des IBP-Ansatzes liegt hier darin, dass Antworten aus allen drei Ebenen Körper, Emotion und Kognition ergründet und ausgedrückt werden können.
Wir wenden uns aktiv dem problematischen Erleben zu und untersuchen eine weitere konkrete Situation, in der das Gefühl von «viel zu viel» aufgetaucht ist. Schritt für Schritt ergründen wir, wann aus feiner Wahrnehmung ein Verlust des Selbstkontakts wurde. Als einen der entscheidenden Punkte erkennt Sandra den Übergang vom Wahrnehmen zum Übernehmen. Dieser Übergang geschieht manchmal in einem Bruchteil einer Sekunde: Sie hält den Atem an, bewegt sich innerlich nach vorn, stellt eigene Bedürfnisse zurück, stimmt vorschnell zu oder übernimmt aktiv Verantwortung für das Befinden anderer. Diese Arbeit fordert Sandra heraus, sodass wir die letzten 15 Minuten der Sitzung in einer stillen Körperübung verbringen. Dies erlebt sie als sehr entspannend und integrierend.
In den weiteren Sitzungen wird die durch mich als Beraterin bezeugte Integration im Liegen und in Stille ebenso zum festen Bestandteil wie das Legen des sichtbaren Eigenraums und der regelmässigen Anwendung spezifischer IBP-Methoden zum Aufbau des Selbstkontakts.
Neben dem Aufbau von spürbarem Eigenraum und Selbstkontakt kann Sandra einige Perlen der Erkenntnis fischen:
- «Ich darf viel wahrnehmen.»
- «Nicht jedes wahrgenommene Bedürfnis verlangt eine Handlung. Ich darf kurz innehalten und mich sortieren.»
- «Ich kann eine Grenze freundlich und deutlich setzen.»
- «Ich brauche Pausen, verlässliche Beziehungen und ein Umfeld, in dem meine Grenzen respektiert werden.»
- «Wenn ich gut im Selbstkontakt bin, überflutet mich mein inneres Erleben weniger.»
- «Ich kann nach einer intensiven Begegnung immer öfter wieder zu mir finden.»
Kohärenzgefühl als roter Faden
Als psychologische Beraterin IBP habe ich Sandra mit einem inneren roten Faden durch den Prozess begleitet. Orientierung bot mir Antonovskys Kohärenzgefühl mit den drei Aspekten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit [4].
Sensitivität verstehen (Verstehbarkeit)
Was ist an dieser feinen Wahrnehmung hilfreich? Wann kippt sie ins ständige Beobachten und Reagieren auf die Mitmenschen?
Den Moment des Selbstverlusts erkennen (Handhabbarkeit)
Welche Körperzeichen zeigen an, dass die Aufmerksamkeit nur noch beim Gegenüber liegt?
Selbstkontakt erfahrbar machen
Über Erdungsübungen, das Legen des Eigenraums und das Spüren des Selbstkontakts gelingt es, innezuhalten und zu unterscheiden: Was spürt die Klientin in sich? Was nimmt sie bei anderen wahr? Was davon muss sie übernehmen?
Resilienz im Alltag entwickeln
Resilienz bedeutet nicht, unempfindlicher zu werden. Sie zeigt sich darin, nach einer intensiven Begegnung wieder zu sich zurückzufinden, den Eigenraum zu spüren und in Selbstkontakt zu kommen.
Eine Alltagsübung verankern
Vor einer Antwort kurz die Füsse am Boden wahrnehmen, ausatmen und sich fragen: Was ist gerade mein eigener Impuls?
Sensitivität nutzen (Sinnhaftigkeit)
Feine Wahrnehmung bedeutet auch, lebendig sein, sich gut einschwingen können, früh und fein nachfragen und intervenieren zu können.
Sensitivität als Ressource
Sandras Sensitivität ist nicht verschwunden, und sie spürt auch nicht weniger. Was sich verändert hat, ist der Kontakt zu sich selbst: Sie kann wahrnehmen, was bei anderen und/oder in ihrem Eigenerleben los ist, und zugleich mit ihrem Kernselbst in Kontakt sein. Damit wird für sie eine Wahl möglich, ob, wann und wie sie auf das Wahrgenommene reagiert. Dies führt zu einem Erleben von Selbstwirksamkeit und damit zu einem starken Zugang zu Sensitivität als Ressource.
Sandras Entwicklung lässt sich mit Antonovskys salutogenetischer Perspektive betrachten: Sie versteht ihre Sensitivität besser, findet im Alltag konkrete Handlungsmöglichkeiten und erlebt ihre feine Wahrnehmung als besondere Ressource. Die körperorientierten Methoden von IBP unterstützen sie dabei, diesen Kontakt zu sich selbst zu üben.
Ein Beitrag von Nicole Brodbeck, Lehrbeauftragte IBP.
Quellen zur Forschungseinordnung
[1] Greven, C. U. et al. (2019). Sensory processing sensitivity in the context of environmental sensitivity: A critical review and development of research agenda. Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 98, 287–305. doi:10.1016/j.neubiorev.2019.01.009
[2] Harrold, A., Keating, K., Larkin, F., & Setti, A. (2024). The association between sensory processing and stress in the adult population: A systematic review. Applied Psychology: Health and Well-Being, 16(4), 2536–2566. doi:10.1111/aphw.12554
[3] Damatac, C. G. et al. (2025). Exploring sensory processing sensitivity: Relationships with mental and somatic health, interactions with positive and negative environments, and evidence for differential susceptibility. Current Research in Behavioral Sciences, 8, 100165. doi:10.1016/j.crbeha.2024.100165
[4] Antonovsky, A. (1993). The structure and properties of the sense of coherence scale. Social Science & Medicine, 36(6), 725–733. https://doi.org/10.1016/0277-9536(93)90033-Z