Mitgefühl ist in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus von Forschung und Psychotherapie gerückt. Zahlreiche Studien zeigen, dass Mitgefühl dabei helfen kann, besser mit schwierigen Gedanken und Gefühlen umzugehen und gleichzeitig das psychische Wohlbefinden sowie die Resilienz zu stärken (Neff et al., 2023).
Auch eine aktuelle Metaanalyse konnte zeigen, dass mitgefühlsbasierte Psychotherapie wirksam dazu beiträgt, psychische Beschwerden, depressive Symptome und Selbstkritik zu reduzieren sowie das Mitgefühl für sich selbst und andere zu fördern (Petrocchi et al., 2024).
Doch was genau ist Mitgefühl?
Nach dem Psychologen Paul Gilbert (2011) umfasst Mitgefühl stets zwei zentrale Komponenten:
- Die Sensibilität gegenüber Leiden, Schmerz oder Belastung.
- Die Motivation, dieses Leiden zu lindern oder es vorzubeugen.
Mitgefühl bedeutet also zunächst, schwierige Erfahrungen wahrzunehmen und ihnen offen zu begegnen, anstatt sie zu vermeiden oder zu verdrängen. Das klingt zunächst widersprüchlich. Schliesslich wünschen wir uns alle, möglichst glücklich zu sein und Leid zu vermeiden. Warum sollten wir uns also belastenden Erfahrungen zuwenden?
Die Antwort ist einfach: Weil schwierige Erfahrungen unvermeidlich zum Leben gehören. Ein mitfühlender Umgang ermöglicht es uns, diesen Erfahrungen konstruktiv zu begegnen, statt ihnen Widerstand zu leisten.
Eigenschaften des Mitgefühls
Paul Gilbert (2011) beschreibt verschiedene Fähigkeiten, die uns dabei unterstützen, schwierigen Erfahrungen mit Mitgefühl zu begegnen.
Eine wichtige Grundlage ist eine nicht wertende Haltung. Dabei versuchen wir, unsere Erfahrungen zunächst anzunehmen, ohne sie sofort als „gut“ oder „schlecht“ zu bewerten.
Dazu braucht es Offenheit und Sensibilität für das eigene Erleben. Belastungen müssen zunächst erkannt und wahrgenommen werden, bevor wir angemessen auf sie reagieren können.
Ebenso wichtig ist Anteilnahme. Wir erlauben uns, von unserem eigenen Leiden oder dem Leiden anderer berührt zu werden. Mitgefühl bedeutet nicht Gleichgültigkeit, sondern ein echtes Interesse daran, wie es uns selbst und anderen geht.
Hinzu kommt das Engagement für das Wohlergehen. Mitgefühl beinhaltet die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und aktiv etwas dafür zu tun, dass Leiden gelindert oder verhindert wird.
Auch Empathie spielt eine wichtige Rolle. Sie hilft uns, unsere eigenen Erfahrungen besser zu verstehen und auch die Perspektive anderer Menschen einzunehmen.
Schliesslich braucht Mitgefühl eine gewisse Stresstoleranz. Wer mitfühlend sein möchte, muss bereit sein, schwierige Gefühle auszuhalten, ohne ihnen sofort ausweichen zu wollen.
In der therapeutischen Arbeit können all diese Fähigkeiten gezielt gefördert und eingeübt werden. Gleichzeitig haben Therapeut:innen die Möglichkeit, eine mitfühlende Haltung vorzuleben und erfahrbar zu machen.
Neben den beschriebenen Eigenschaften gibt es verschiedene konkrete Fertigkeiten, die helfen, Mitgefühl im Alltag zu stärken.
Mitfühlende Aufmerksamkeit
In belastenden Situationen richtet sich unsere Aufmerksamkeit häufig auf vergangene Misserfolge oder auf mögliche zukünftige Probleme. Eine mitfühlende Aufmerksamkeitslenkung bedeutet, den Fokus bewusst auf hilfreiche Aspekte zu richten. Dazu gehören beispielsweise Situationen, die gut gelungen sind, persönliche Stärken oder Erfahrungen, in denen wir Herausforderungen erfolgreich bewältigt haben.
Mitfühlendes Denken
Es kann hilfreich sein, die eigenen Gedanken kritisch zu hinterfragen. Sprechen wir mit uns selbst auf eine verständnisvolle und unterstützende Weise oder eher kritisch und abwertend? Eine hilfreiche Frage lautet: Würde ich dieselben Worte auch zu einer guten Freundin, einem guten Freund oder meinem Kind sagen? Oft erkennen wir dadurch, wie streng wir mit uns selbst umgehen.
Mitfühlende Vorstellungen
Innere Bilder können Mitgefühl gezielt fördern. Manche Menschen stellen sich eine besonders mitfühlende Version ihrer selbst vor. Andere profitieren von der Vorstellung einer wohlwollenden Begleitperson, die Verständnis, Sicherheit und Unterstützung vermittelt.
Mitfühlende Gefühle kultivieren
Mitgefühl geht häufig mit Gefühlen von Wärme, Verbundenheit, Offenheit und Vertrauen einher. Diese Qualitäten lassen sich gezielt fördern – etwa indem wir unsere Aufmerksamkeit auf Dinge richten, für die wir dankbar sind, oder Aktivitäten nachgehen, die solche Gefühle in uns wecken.
Ebenso hilfreich kann es sein, diesen Empfindungen bewusst Raum zu geben: Indem wir wahrnehmen, wo wir sie im Körper spüren, und uns erlauben, bei ihnen zu verweilen, können sie sich oft vertiefen und ausbreiten. So entsteht die Möglichkeit, Mitgefühl und die damit verbundenen Gefühle Schritt für Schritt zu stärken.
Den Körper einbeziehen
Mitgefühl zeigt sich nicht nur in unseren Gedanken und Gefühlen, sondern auch im Körper. Es kann hilfreich sein, den Unterschied zwischen einem angespannten Zustand und einem Zustand von Ruhe, Entspannung und Geborgenheit bewusst wahrzunehmen. Atemübungen, Entspannungstechniken oder andere körperorientierte Methoden können dazu beitragen, das Nervensystem zu beruhigen und einen inneren Zustand zu fördern, in dem Mitgefühl leichter zugänglich wird.
Auch einfache mitfühlende Gesten, wie eine Hand auf das Herz oder den Oberarm zu legen, können das Gefühl von Mitgefühl stärken. Ebenso kann ein sanftes Lächeln dazu beitragen, ein Gefühl von Wärme und Freundlichkeit im Inneren entstehen zu lassen
Mitfühlendes Handeln
Letztlich zeigt sich Mitgefühl auch im Verhalten. Kleine Handlungen können einen grossen Unterschied machen. Eine hilfreiche Frage lautet:
Was könnte ich heute tun, um mir selbst oder einem anderen Menschen etwas Gutes zu tun? Mitgefühl wird nicht allein durch Nachdenken entwickelt, sondern vor allem durch konkrete Erfahrungen und Handlungen im Alltag.
Zusammenfassend bedeutet eine mitfühlende Haltung nicht, Leid gutzuheissen oder Schwierigkeiten schönzureden. Vielmehr beschreibt es die Fähigkeit, Belastungen bewusst wahrzunehmen und ihnen mit Verständnis, Mut und Fürsorge zu begegnen. Forschung und klinische Erfahrung zeigen, dass diese Haltung einen wichtigen Beitrag zu psychischer Gesundheit, Resilienz und einem freundlicheren Umgang mit sich selbst und anderen leisten kann.
Was bedeutet dies für den klinischen Alltag?
Im klinischen Alltag kann Mitgefühl wesentlich dazu beitragen, Vermeidungsverhalten abzubauen und einen hilfreichen Umgang mit schwierigen Emotionen zu entwickeln. Ansätze aus der mitgefühlsbasierten Psychotherapie (Gilbert, 2011) beschreiben, wie Mitgefühl Patient:innen dabei unterstützen kann, sich belastenden Themen zuzuwenden, die häufig mit Scham, Selbstkritik oder anderen intensiven Gefühlen verbunden sind.
Mitgefühl ermöglicht es, solchen Erfahrungen mit mehr Freundlichkeit und innerer Sicherheit zu begegnen, anstatt sie zu vermeiden oder sich dafür zu verurteilen. Patient:innen lernen, sich selbst in schwierigen Momenten unterstützend zur Seite zu stehen und belastenden Emotionen Raum zu geben, ohne von ihnen überwältigt zu werden. Darüber hinaus kann Mitgefühl helfen, Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die mit Selbstkritik oder Scham verbunden sind, anzunehmen.
Gleichzeitig schafft es eine förderliche Grundlage für Veränderung: Nicht aus Selbstverurteilung heraus, sondern aus einem verständnisvollen und wohlwollenden Umgang mit sich selbst. Dadurch wird es oft leichter, neue Verhaltensweisen zu entwickeln und persönliche Ziele nachhaltig zu verfolgen.
Literatur
Gilbert, P., & Choden. (2011). Achtsames Mitgefühl: Ein kraftvoller Weg, das Leben zu verwandeln. Arbor Verlag.
Neff, K. D. (2023). Self-compassion: Theory, method, research, and intervention. Annual Review of Psychology, 74, 193–218. https://doi.org/10.1146/annurev-psych-032420-031047
Petrocchi, N., Ottaviani, C., Cheli, S., Matos, M., Baldi, B., Basran, J. K., & Gilbert, P. (2024). The impact of compassion-focused therapy on positive and negative mental health outcomes: Results of a series of meta-analyses. Clinical Psychology: Science and Practice.
Gastbeitrag von Olivia Bolt,
Kursleiterin Mitgefühlsbasierte Psychotherapie – Compassion Focused Therapy
Studie des IBP & der ZHAW sucht teilnehmende Coach:innen und Psychotherapeut:innen
Was verrät uns ein schneller Herzschlag, ein Knoten im Bauch oder ein Gefühl von innerer Ruhe über psychische Veränderungsprozesse?
Die Interozeption - also die bewusste und unbewusste Wahrnehmung innerkörperlicher Zustände - rückt zunehmend in den Fokus psychotherapeutischer und coachingbezogener Forschung. Aktuelle Studien zeigen, dass interozeptive Prozesse eng mit Emotionsregulation, Stressverarbeitung und psychischer Gesundheit verbunden sind (Paulus & Stein, 2010; Khalsa et al., 2018). Darüber hinaus weisen Studien darauf hin, dass eine reduzierte interozeptive Fähigkeit mit erhöhter psychischer Belastung assoziiert ist, während eine differenzierte Körperwahrnehmung adaptive Emotionsregulation und Selbststeuerung unterstützen kann (Füstös et al., 2013; Qi et al., 2025). Gleichzeitig gibt es Hinweise, dass interozeptive Fähigkeiten durch achtsamkeits- und körperorientierte Interventionen beeinflussbar sind (Price et al., 2018).
Doch welche Rolle spielt Interozeption konkret in der Praxis von Coaching und Psychotherapie? Genau dieser Frage widmet sich das gemeinsame Forschungsprojekt von IBP und ZHAW.
Dabei interessieren insbesondere:
- wie sich Interozeptionsfähigkeiten im Verlauf entfalten
- wie sich Emotionsregulation und Stressverarbeitung entwickeln
- wie sich Kohärenzerleben und Ressourcenverfügbarkeit verändern
- wie sich subjektive Belastung im Prozessverlauf verändert
- und in welchem Zusammenhang diese Entwicklungen mit eingesetzten Interventionen stehen
Interozeption wird dabei als mehrdimensionale Form der Selbstwahrnehmung verstanden, in der körperliche, emotionale und kognitive Prozesse eng miteinander verknüpft sind.
Hast Du Lust als Coach:in oder Psychotherapeut:in bei diesem spannenden Forschungsprojekt mitzuwirken? Dann melde Dich bei uns!
Teilprojekt Psychotherapie:
Sonja Hilbrand, wiko@ibp-institut.ch
Teilprojekt Coaching
Ariane Orosz, orosz@zhaw.ch
Quellen:
Füstös, J., Gramann, K., Herbert, B. M., & Pollatos, O. (2013). On the embodiment of emotion regulation: interoceptive awareness facilitates reappraisal. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 8(8), 911–917. https://doi.org/10.1093/scan/nss089
Khalsa, S. S., Adolphs, R., Cameron, O. G., Critchley, H., Davenport, P. W., Feinstein, J., Zucker, N. (2018). Interoception and mental health: A roadmap. Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging, 3(6), 501–513
Paulus, M.P., Stein, M.B. Interoception in anxiety and depression. Brain Struct Funct, 214, 451–463 (2010). https://doi.org/10.1007/s00429-010-0258-9
Price, C. J., Hooven, C., & Jovanovic, T. (2018). Interoceptive awareness skills for emotion regulation: Theory and neurobiological evidence. Frontiers in Psychology, 9, 1–12. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2018.00798
Qi, M., Shen, X., Zeng, Y., Lin, X., Suliman, M., & Li, P. (2025). Interoception and mental health in middle-aged and elderly adults: A systematic review and meta-analysis. Neuroscience and biobehavioral reviews, 172, 106104. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2025.106104
Der Schritt in die Selbstständigkeit wirkt für viele wie ein grosser Sprung – oft begleitet von Unsicherheit, Perfektionismus und offenen Fragen. Dabei scheitern die meisten nicht am Können, sondern an typischen Denk- und Umsetzungsfehlern.
Hier sind die 7 häufigsten Stolpersteine – und wie du sie vermeidest.
- Zu lange warten, bis „alles perfekt“ ist
Viele starten erst, wenn Website, Angebot und Positionierung vermeintlich perfekt sind. Das Problem: Perfektion entsteht erst durch Praxis. Wer zu lange wartet, verliert Zeit, Energie und oft auch den Mut.
Besser: Früh starten, testen und iterativ verbessern. - Unklare Positionierung
„Ich helfe allen mit allem“ ist kein überzeugendes Angebot. Ohne klare Zielgruppe und Profil bleibt die Nachfrage aus.
Frage dich: Für wen will ich konkret arbeiten – und wobei genau? Angst vor Sichtbarkeit
Viele Fachpersonen sind hervorragend ausgebildet – aber kaum sichtbar. Angst vor Bewertung oder Selbstzweifel blockieren Marketingaktivitäten.Sichtbarkeit ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung dafür, dass dich passende Klient:innen finden.
- Fehlendes unternehmerisches Denken
Die Ausbildung vermittelt Fachkompetenz, aber kaum betriebswirtschaftliches Know-how. Themen wie Fixkosten, Tarife oder Auslastung werden oft unterschätzt.
Selbstständigkeit bedeutet auch: Unternehmer:in sein.
Bürokratie wird überschätzt (oder verdrängt)
Viele haben grossen Respekt vor rechtlichen und administrativen Anforderungen, Versicherungen und Vorsorge.Die gute Nachricht: In der Schweiz ist vieles einfacher als gedacht – wenn man weiss, wie.
- Isolation statt Austausch
Viele versuchen, alles alleine herauszufinden. Das führt zu unnötigen Umwegen und Unsicherheit.
Austausch mit anderen und professionelle Begleitung beschleunigen den Prozess enorm.
Zweifel am eigenen Weg
„Bin ich gut genug?“ – diese Frage begleitet fast alle. Oft stärker als reale Hindernisse.Zweifel sind normal – entscheidend ist, trotzdem ins Handeln zu kommen.
Fazit: Selbstständigkeit ist lernbar – und oft einfacher als gedacht
Die meisten Stolpersteine sind keine echten Hürden, sondern fehlende Klarheit und Struktur. Mit der richtigen Unterstützung lässt sich der Weg deutlich vereinfachen.
Genau hier setzen meine Workshops an:
- Für Psychotherapeut:innen:
„Dich als Psychotherapeut:in selbstständig machen – einfacher als du denkst“ - Für Coaches & Berater:innen:
„Selbstständig als Berater:in oder Coach – so klappt’s“
Du erhältst konkrete Schritt-für-Schritt-Anleitungen, praxisnahe Checklisten und Klarheit für deinen eigenen Weg.
Wenn du nicht länger planen, sondern endlich starten willst, sind diese Workshops der nächste sinnvolle Schritt.
Gastbeitrag von Stefan Krucker, Kursleiter beider Kurse
www.psychotext.ch
Nach langjähriger internationaler Weiterentwicklungsarbeit wurde im Mai 2019 die 11. Revision der ICD von der WHO verabschiedet. Eine wichtige Neuerung im Bereich der psychischen Krankheiten ist die Aufnahme der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS, engl. CPTSD) als eigenständige Diagnose.
Die Einführung dieses Störungsbildes beruht auf klinischen Beobachtungen und Forschungsergebnissen, die aufzeigen, dass die posttraumatischen Symptome und Reaktionen bei einigen Betroffenen deutlich über die klassischen PTBS-Merkmale hinausgehen. Die kPTBS wird üblicherweise durch wiederholte oder anhaltende traumatische Ereignisse ausgelöst, denen Betroffene oft nur schwer oder gar nicht entkommen können (Eberle und Maercker 2024).
Zahlreiche Studien zeigen, dass Betroffene mit chronischen, interpersonellen Traumatisierungen ein spezifisches Symptommuster aufweisen, das sich von der klassischen PTBS unterscheidet. Die kPTBS ermöglicht eine präzisere Diagnostik und damit gezieltere Therapieplanung. (Eberle und Maercker 2024).
Das bietet auch mehr Klarheit für die Differenzialdiagnostik. Die Abgrenzung zur Borderline-Persönlichkeitsstörung und anderen Traumafolgestörungen wird durch die kPTBS erleichtert, da sie spezifische Kriterien für komplexe Traumafolgen bietet (Hecker und Maercker 2015). Die kPTBS ist neben den Symptomen der klassischen PTBS durch Emotionsregulationsstörungen, negative Selbstwahrnehmung und interpersonelle Schwierigkeiten gekennzeichnet (Hecker und Maercker 2015).
Relevanz für die therapeutische Praxis
- Individuelle Behandlungsansätze: Die Diagnose kPTBS ermöglicht es Therapeut:innen, gezielt auf die zusätzlichen Symptombereiche (z. B. Selbstwertprobleme, Affektdysregulation) einzugehen, was die Therapieeffektivität erhöht (Eberle und Maercker 2024).
- Validierte Diagnostikinstrumente: Mit der Einführung der kPTBS wurden spezifische Fragebögen und Interviews entwickelt (z. B. International Trauma Questionnaire, ITQ), die eine standardisierte Erfassung der Symptome ermöglichen (Cloitre et al. 2018).
- Forschungsimpulse: Die neue Diagnose fördert die Forschung zu Traumafolgestörungen und die Entwicklung evidenzbasierter Therapieverfahren (Maercker & Eberle 2022).
Die aktualisierte S3-Leitlinie widmet der kPTBS ein eigenes Kapitel. Dies reflektiert die Notwendigkeit, die Diagnostik und Behandlung dieser spezifischen Traumafolgestörung von der klassischen PTBS abzugrenzen. Die Leitlinie bietet evidenzbasierte Therapieempfehlungen und betont die Bedeutung der differentialdiagnostischen Abgrenzung der kPTBS von anderen Störungsbildern, insbesondere der Borderline-Persönlichkeitsstörung, und gibt Hinweise zur Behandlung bei Vorliegen von Komorbiditäten (Schäfer et al. 2019).
Die kPTBS berücksichtigt zusätzlich Störungen der Emotionsregulation, negative Selbstkonzepte und zwischenmenschliche Schwierigkeiten. Gerade bei diesen Symptomen kann die Integrative Körperpsychotherapie IBP gut ansetzen und unterstützen.
Maercker und Eberle (2022) fassen zusammen, dass die bisherigen Forschungsbefunde in Bezug auf die Gruppierung der trauma- und belastungsbezogenen Störungen zeigen, dass sich die neuen ICD-11-Diagnosen insgesamt bewähren. Insofern ist die ICD-11 als Fortschritt der Diagnostik von psychischen Störungen zu werten.
PD Dr. Phil. Myriam V. Thoma ist Universitätsdozentin für Klinische Psychologie und Psychopathologie mit ausgewiesener Expertise in den Themengebieten Psychopathologie, Stress, Trauma und Resilienz. In unserem praxisorientierten Kurs kannst du dich vertieft mit dem Störungsbild der kPTBS auseinandersetzen und dich mit anderen Therapeut:innen austauschen.
Ein Beitrag von Beatrix Schilling und Bettina Bamert
Quellen:
Eberle, D. J., & Maercker, A. (2024). Belastungsbezogene Störungen in der ICD-11. Die Psychotherapie, 69(3), 179-183.
Hecker, T., & Maercker, A. (2015). Komplexe posttraumatische Belastungsstörung nach ICD-11. Psychotherapeut, 60(6), 547-562.
Cloitre, M., Shevlin, M., Brewin, C. R., Bisson, J. I., Roberts, N. P., Maercker, A., ... & Hyland, P. (2018). The International Trauma Questionnaire: Development of a self‐report measure of ICD‐11 PTSD and complex PTSD. Acta Psychiatrica Scandinavica, 138(6), 536-546.
Maercker, A., & Eberle, D. J. (2022). Was bringt die ICD-11 im Bereich der trauma-und belastungsbezogenen Diagnosen?. Verhaltenstherapie, 32(3), 62-71.
Schäfer, I., Gast, U., Hofmann, A., Knaevelsrud, C., Lampe, A., Liebermann, P., ... & Wöller, W. (Eds.). (2019). S3-leitlinie posttraumatische belastungsstörung. Berlin: Springer.
Der Begriff „Coach“ ist in der Schweiz nicht geschützt.
Das bedeutet es für dich:
Jede Person darf sich Coach nennen – auch ohne psychologische, pädagogische oder beratungsbezogene Ausbildung.
Während manche Coaches fundierte Ausbildungen mit Selbsterfahrung, Supervision und Praxis durchlaufen, besuchen andere ein Wochenendseminar und nennen sich danach ebenfalls „Coach".
Beide tragen denselben Titel, aber die Kompetenz ist nicht vergleichbar.
Wenn du dich für eine Coaching-Weiterbildung interessierst,
orientiere dich an den Berufsverbänden bso.ch (Berufsverband für Coaching, Supervision und Organisationsberatung)
und sgfb.ch (Schweizerische Gesellschaft für Beratung).
Diese Verbände akkreditieren nur Weiterbildungen, die strenge Qualitätskriterien erfüllen, darunter:
✅ qualifizierte Dozierende mit anerkannter Ausbildung
✅ verbindliche Selbsterfahrung und Supervision
✅ definierte Ausbildungsstandards (mind. 3 Jahre, berufsbegleitend)
✅ transparente Evaluation und Ethikrichtlinien
Wenn ein Institut von BSO oder SGfB anerkannt ist, kannst du davon ausgehen,
dass die Ausbildung strukturiert, praxisnah und professionell ist –
und dich im Anschluss auf die eidgenössische höhere Fachprüfung vorbereitet.
In der Podcastfolge "Psychologie, und denn?" erfährst du,
wie genau eine solche Weiterbildung aussieht,
was sie kostet und wie du bis zu 10’000 CHF Bundesbeitrag zurückerhältst.
Zur Podcastfolge:
Zu unserer qualitativ hochwertigen Coaching- Weiterbildung.
Wie du in schwierigen Momenten mit dir umgehst, beeinflusst deine psychische Gesundheit stark. Die Compassion Focused Therapy (CFT) zeigt dir, wie du Selbstkritik durch Mitgefühl ersetzt und so innerlich ruhiger und stabiler wirst.
3 Fragen - 3 Antworten
Wir haben Dr. phil. Olivia Bolt, eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin und Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, drei Fragen zur Mitgefühlsbasierten Psychotherapie gestellt:
IBP Institut:
Was ist CFT?
Olivia Bolt:
CFT ist ein psychotherapeutischer Ansatz, der Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft, der Evolutionstheorie, der Entwicklungs- und Sozialpsychologie sowie aus buddhistischen Traditionen integriert. Du lernst, deinen Herausforderungen mit Mitgefühl zu begegnen, statt dich selbst dafür zu kritisieren und damit dein Leiden zu verstärken.
IBP Institut:
Welche Methoden kommen bei der CFT zum Einsatz?
Olivia Bolt:
Ein zentraler Bestandteil der CFT ist die Psychoedukation über Emotionen und das menschliche Gehirn, damit du dein eigenes Erleben besser einordnen und verstehen kannst. Zur Förderung einer mitfühlenden inneren Haltung werden Methoden wie Imagination, Rollenspiele und Achtsamkeitsübungen eingesetzt. Die bewusste Hinwendung zum Körper spielt dabei eine wichtige Rolle. Um mit verschiedenen inneren Anteilen zu arbeiten, kommen häufig sogenannte Stuhldialoge zum Einsatz.
IBP Institut:
Warum ist Selbstmitgefühl so wichtig?
Olivia Bolt:
Schwierigkeiten und Rückschläge gehören zum menschlichen Erleben. Solche Situationen lösen oft unangenehme Gefühle aus. Wenn du dir in solchen Momenten mit Selbstkritik begegnest, entsteht zusätzlicher Stress. Mit einer mitfühlenden Haltung fällt es dir hingegen leichter, die Situation und die damit verbundenen Emotionen anzunehmen und dich selbst zu unterstützen. Das kann zu einer spürbaren Reduktion deines Stresserlebens führen. Zahlreiche Studien belegen die positiven Effekte von Selbstmitgefühl auf die psychische Gesundheit.
Möchtest du mehr zu diesem spannenden Thema erfahren? Dann melde dich jetzt für unser Fortbildungsseminar an: Mitgefühlsbasierte Psychotherapie – Compassion Focused Therapy vermittelt dir theoretische Grundlagen und praktische Methoden der CFT.
